Die Ulmer Justiz und der Schweinequäler: ein Prozessbericht

Der Prozess gegen den Schweinequäler von Merklingen begann mit einer Unverschämtheit. Mal wieder hatte der Bauer nicht den Mut selbst das Wort zu ergreifen und ließ seine Anwältin (diesmal ohne Pelz) ein Statement verlesen, das so ziemlich an den Aussagen der Staatsanwaltschaft zum reuigen Sünder aus dem ersten Prozess angelehnt war. Man war bei der Verteidigung den ausgelegten Brotkrumen der Staatsanwaltschaft gefolgt und erdreistete sich sogar, sich bei SOKO Tierschutz zu bedanken. Was fehlte: Eine ehrliche Entschuldigung bei den wahren Opfern, woran man erkennt, dass dieser Täter immer noch nicht begreift, was er hunderten, zu Tode gequälten Schweinen angetan hat. Danach folgte die Truppe vom Vetamt Alb-Donau-Kreis. Mal wieder konnte man sie gebetsmühlenartig erzählen hören, dass man über Jahrzehnte einfach nicht gemerkt hatte, dass wenige Meter neben der bekannten Halle noch eine zweite 50 m lange Halle war. Mal wieder konnte man hören, dass man vom Bauer ausgetrickst wurde. Mal wieder hörte man Sätze wie: Da war eine Tür, die sah alt aus und war abgesperrt, da habe ich nicht weiter nachgefragt. Diese Tür führte zu zahllosen, verletzten Schweinen. Der Chef des Vetamts Herr Butscher gab in sogar SOKO Tierschutz die Schuld an den über Jahre verpennten Grausamkeiten. Die fehlende Einsicht, schwerwiegende Fehler gemacht zu haben, und das Selbstmitleid in dieser Behörde ist eine Gefahr für Tiere und ein Armutszeugnis. Butschers Argument: Denn schließlich würden Organisationen wochenlang recherchieren und nicht gleich beim Amt anrufen. Die Ermittlungen von SOKO Tierschutz haben aber genau 9 Tage gedauert. Bereits nach der Strafanzeige bezeichnete ein Amtsvet den Stall immer noch als zu 99% in Ordnung und wollte natürlich nicht mit den anwesenden Zeugen sprechen. Eine zweite Kontrolle entdeckte auch nichts Nennenswertes. Erst das Ministerium und Kontrolleure des Einzelhandels sorgten für neue Kontrollen des Vetamts, wobei man dann auch endlich die zweite Halle entdeckte. Ammoniak-Messgeräte hat man im Alb-Donau-Kreis immer noch nicht. Eine Veterinärin erzählte, wie man das macht: Beschlägt die Kamera, ist die Luft zu feucht, gibt es gar Tröpfchen und die Augen brennen ist der Ammoniak-Wert zu hoch und die Luft nicht gut. Das erinnert an den Stein an der Kette zur Wetterdiagnose (Stein nass, Regen!). Spannend war auch eine leitende Angestellte einer Zertifizierungsstelle, die für die Kontrolle im Rahmen verschiedener Pseudogütesiegel zuständig ist. Hier lernten wir die Definition von „unangemeldeten Kontrollen“. Denn angemeldete Kontrollen werden mehrere Wochen vorher angemeldet und unangemeldete Kontrollen werden 48 Stunden vorher angemeldet. Läuft bei QS, Initiative Tierwohl und Co. Der Richter schien während diesen ganzen haarsträubenden Ausführungen eher desinteressiert. Kaum Nachfragen und keine Spur von Mitgefühl mit den Tieren. Die Aussage von mir war mal wieder massiv davon geprägt, dass man sich wunderte, dass ich sofort und im Dunklen bemerkt hatte, dass sich dort zwei Hallen mit Tieren befinden. Ansonsten galt es die grauenhaften Verletzungen zu beschreiben. Ein Video von Tierschützern aus 2014 aus dem Stall zeigte eindrucksvoll, dass auch damals schon im Stall qualvolle Enge und Siechtum herrschten. Wohlgemerkt stammte auch dieses Video aus der Halle, die keiner jemals gesehen haben wollte. Niemand fragte sich, warum dieser Stall ganz anders aussieht als die Halle, die man so gerne kontrolliert. Die damals hinzugezogene Kontrolleurin hatte das der Strafanzeige 2014 zugrunde liegende Beweisvideo angeblich nie zu Gesicht bekommen. Aber Hallo, die Optik der Kamera war ordentlich beschlagen, also dringend mal besser lüften. Vor lauter beschlagenen Gläsern vergaß man offenbar damals selbst die Stallungen der Mastschweine zu kontrollieren: Die Beweisfotos des Amtes zeigten nur die ersten zwei Räume mit Jungtieren, die Aufzucht. Dann kam noch der Hammer: Als der Bauer seine, gelinde gesagt, verworrenen, finanziellen Verhältnisse schildern sollte, erwähnte er ganz nebenbei, dass er auch im Rinderstall des Sohnemanns unentgeltlich mithilft. Eigentlich ein klarer Verstoß gegen das totale Tierhaltungs- und Betreuungsverbot. Als ich darauf extra noch einmal hinwies, interessierte das weder den einsilbigen Staatsanwalt, noch den Richter ernsthaft. Die Verteidigerin antwortete mit Augenrollen, was die von ihr theatralisch vorgetragene, anfängliche Dankbarkeit des Angeklagten an SOKO Tierschutz als schlechten Scherz bestätigte und zeigte, dass hier wirklich niemand ernsthaft versucht, Tiere vor einem gefährlichen Menschen zu beschützen: Keine Fassungslosigkeit, dass der Tierquäler wieder in einem Stall mit über 100 Kühen arbeitet. Der Prozess wurde vertagt. Mich beschleicht das Gefühl, dass sich das Gericht von der „arme Bauer“-Masche einwickeln lässt oder sich in Sachen Tierschutz bereits selbst aufgegeben hat. Jeder Straftäter hat eine Biografie, die teilweise erklären kann, wieso ein Mensch zum Täter wird und z. B. kaltblütig tötet. Trotzdem müssen ihre Taten selbstverständlich geahndet werden, ansonsten öffnet das Tür und Tor für Gewalt und Tod. Es gibt aber auch zwei kleine Hoffnungsschimmer. Am 19.02 geht es weiter. Wir werden wieder da sein. Kein Vergessen, kein vergeben und verarschen lassen ... zu mindestens wir uns nicht!





SOKO Tierschutz e.V.

Bodenehrstraße 20

81373 München

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